Tagesarchiv: Juli 24th, 2009

Es gibt die, die helfen und dann gibt es noch die anderen. Die, die gefressen werden. Die Lämmer, die einen Löwen aus uns machen. Die Haken, an denen wir uns festkrallen und uns dann zum anderen Ufer aufschwingen, um etwas zu bewegen und ich rede nicht nur von Möbeln.

Lämmer sind die Sachen, die den Hunger in uns wecken und uns zum Brüllen bringen. Kreative Menschen mögen Lämmer auch als Inspiration bezeichnen, ich bevorzuge den martialischen Schafsbegriff mit der anschließenden Schlachtung. Häufig sind die Lämmer nämlich die, die wir nicht mögen, die uns fies piesacken und deren negativen Einfluss wir dann einfach in etwas positives ummünzen: zum Beispiel einen Aspekt in einem kreativen Werk. Oder das Versprechen, es selbst besser zu machen. Oder das Wissen, das man selbst cooler ist als das Lamm, dass man, im Gegensatz zu ihm, schon viel mehr gelernt hat, dass man die Stadt in Brand stecken kann, wenn es sein muss. Und während das Lamm noch glaubt, gar nichts gemacht zu haben, wächst in uns die Revolution heran und ehe wir uns versehen haben platzt sie aus uns heraus wie Karamellbonbons im Backofen und oh wow! Wie laut werden wir brüllen, wir kleinen Löwen! Und was für Spuren der Verwüstung werden wir hinterlassen!

Lämmer haben, genau wie der Bernhardiner, meistens keine Ahnung, was sie einem antun (positiv oder negativ). Trotzdem sollte man auch ihnen danken, denn auch sie haben ihr Gutes. Manchmal ist das Gute mit Schmerzen verbunden, wenn dem Lamm ein langer Lernprozess folgt, der anschließend in etwas Positives gipfelt. Manchmal ist das Gute aber auch gratis. Das sind die seltenen Fälle und manchmal hat man es dann auch mit einem Bernhardiner im Schafspelz zu tun. Darum: Danke, ihr Lämmer. Danke, dass ihr in meinem Leben ein Feuerwerk entfacht habt, egal welcher Natur. Danke, dass ihr mich genährt habt, in den guten und den schlechten Zeiten, damit ich zu der wunderschönen, weisen, starken Löwin heranwachsen konnte, die ich heute bin. Ich werde euch das nie vergessen und trotzdem möchte ich manche von euch nie wieder sehen, andere schon. Das hängt vom Einzelfall ab.

Das Löwen-und-Lämmer-Konzept stammt im übrigen nicht wirklich von mir, sondern von der mir sehr verehrten Esthero. Ihr Lamm heißt Musik und ist auf dem wunderbaren Album Breath from Another (ein uralter Schinken, aber nie vergessen) in Scheibe gegossen worden (und -oh! Auf dem Nachfolger natürlich auch! Beides kleine Bernhardiner, wenn ich ehrlich bin…).

Okay.

Die Sache ist die-

Ich habe heute schon wieder viel zu viele Gedanken darauf verschwendet, was aus mir wird, wo ich landen werde, ob ich unfähig bin et cetera. Das ganze Frauenpaket einmal hoch und runter, alles mal durch die Birne gewälzt und die ist leider größer als bei einem Primaten, zu gut deutsch: Ich habe mir eine Menge Sorgen gemacht, habe mich eingesperrt in meinem eigenen Leben gefühlt und war der festen Überzeugung, dass morgen mindestens die Welt untergeht.

Als Erinnerung an mich selbst und alle anderen (in überflüssigen Fremdwörtern: Reminder): Das Leben ist nicht statisch, es ist dynamisch. Es ist nicht rational erklärbar, es ist unglaublich kreativ, überraschend, bezaubernd, verblüffend, atemberaubend, das Beste, das es gibt. Mein Leben fühlt sich vielleicht gerade an wie Herumstapfen in zäher Melasse, aber bereits morgen könnte etwas passieren (und zwar nicht der Weltuntergang). Bereits morgen könnte etwas in meinem Leben geschehen, dass ihm eine völlig neue Wendung gibt. Unbekannte Personen könnten in es hineintreten und sich zu einem Hauptakteur entwickeln. Eine Überraschung voller Feenstaub könnte vom Himmel fallen. Vielleicht scheint einfach nur die Sonne. Vielleicht entscheidet sich das Leben dazu, mir einen Bernhardiner vorbeizuschicken.

Ein Bernhardiner ist eins von diesen Ereignissen/ Personen/ Sonstwas, die einem an Tagen/ in Phasen wie diesen sprichwörtlich den Arsch retten. Sie sind das, was man sich an grauen Regentagen sehnlichst wünscht, um aus der hausgemachten Misere klettern zu können. Bernhardiner können alles sein. Von der lächelnden Kassiererin, die einem für eine halbe Minute das Gefühl von sozialer Wärme vermittelt, oder eine Nachricht von einer lange als verschollen geglaubten Person. Oder, ein Klassiker, die Rückzahlung des Stromanbieters, ein guter Film im Fernsehen, ein neuer Clip von der Lieblingssängerin.

Egal, was es ist. Meistens steckt ein anderer Mensch dahinter und dieser andere Mensch wird vermutlich nie im Leben erfahren, dass er einmal ein Lebensretter war. Zum einen, weil diese Menschen häufig nicht erreichbar sind, zum anderen, weil wir in solchen Phasen häufig zu sehr in uns gekehrt sind, um den wahren Effekt des Bernhardiners sofort zu verstehen und uns dann auch noch entsprechend dankbar zu artikulieren.

Darum möchte ich an dieser Stelle allen Leuten danken, die schon mal Bernhardiner für mich waren, auch wenn sie vermutlich dies nie lesen oder in Zusammenhang mit ihrer großen Tat bringen werden. Das ist doof, deshalb ändern wir den Plan und machen es anders: Ich danke einfach jedem, weil vermutlich jeder Mensch auf diesem Planeten für einen anderen schon mal ein Bernhardiner war. Ich hoffe, ich war ein guter und konnte das zurückgeben, was ich schon so oft erhalten habe.

Im Volksmund sagt man: Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht und diese Weisheit erweist sich als sehr wahr – jedenfalls wenn einige Menschen auf diesem bezaubernden Planeten den Mund aufmachen. Ich vermute einen gewissen „Standesdünkel“ dahinter, wenn Leute Wörter benutzen, die so kompliziert nicht sein müssten und das verachte ich zutiefst. Ihr Vokabelnazis!

Wenn Fremdwörter, dann bitte nur als rhetorisches Stilmittel und sauber eingesetzt – oder so unsauber, dass es schon wieder ein Statement ist. Ich meine, wir alle weben gerne mal ein Wort in unser Gebrabbel, das Augenbrauen Richtung Lexikon zucken lässt, aber man muss es nicht übertreiben – es sei denn man ist komödiantisch veranlagt.

Hier ein paar Beispiele aus dem täglichen Leben:

  • human: Man kann auch einfach knallhart „menschlich“ sagen, denn es ist ja nicht so, als ob sich diese Begriffe was nehmen würden.
  • So what?: Ein rotziges „Und?“/ „Na und?“/ „Leckste mich kreuzweise“ tut es auch.
  • suboptimal: Die Liste der Synonyme für dieses Verbrechen ist so lang, dass ich mich weigere, auch nur eins zu nennen. Man denke nur an das allgemein beliebte, einfach zu merkende „scheiße“…
  • Up-/ Downloaden: „Hoch-/Runterladen“
  • signifikant/ relevant: „wichtig“
  • Intention: „Absicht“
  • Handout: „Handzettel“, „Thesenpapier“, „Begleitmaterial“
  • Präsenzpflicht: „Anwesenheitspflicht“
  • Kick-Off-Veranstaltung: ??? (Trotzdem superredundant, das Wort)
  • redundant: „überflüssig“
  • Reputation: Ähm… „Ruf“ ist ein legitimes Ersatzwort.

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Fasst man sich mal selbst an die Birne und schüttelt sie so lange, bis all die faulen Wörter herausfallen, wird man merken, was ich meine – und zwar jeder, mich eingeschlossen…

    … die keine Sau kennt.

    Warum die heutigen Gespräche nicht mal ein bisschen blumiger gestalten? Es gibt genug Adjektive, die bereitstehen, die wir aber aus unerfindlichen Gründen vergessen haben. Hier eine unvollständige Auswahl:

    • bezaubernd
    • atemberaubend
    • tollkühn
    • süffisant
    • glamourös
    • brilliant
    • galant
    • herzergreifend
    • dezent
    • betrübt
    • entgeistert
    • erhaben
    • wohlig
    • herzenswarm
    • maliziös
    • etc.

    Immer wenn ich auf dem Weg in die Stadt bin, komme ich an einer Wand vorbei, auf der sehr viel plakatiert wird. Das ist schön, da abwechslungsreich und farbenfroh, doch seit einiger Zeit werde ich mit einem Plakat konfrontiert, dass mir gar nicht gefällt:

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    An und für sich gibt es nichts daran auszusetzen, aber jetzt kommt das Problem: Da ich von zwergenhaftem Wuchs bin, habe ich genau folgenden Bildausschnitt auf Augenhöhe, wenn ich an den Plakaten vorbeilaufe:

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    Auge in Auge mit Jennifer Rostocks Schritt. Das macht Spaß! Wirklich! Was für ein Ausblick (oder Einblick?!)…

    Zu allem Überfluss hängen die Plakate an einem verfallenen Bahnhofsgebäude, was ja wiederum als Thema für meinen Blog diskutiert wurde. Deshalb hier noch ein Foto von einem verfallenen Bahnhofsgebäude mit lauter Plakaten von Jennifer Rostocks Schritt Band! Wie toll! Sex und verfallene Gebäude in einem Artikel! Ich bin so gut!

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