Miss Marina Diamond, meine neue musikalische Liebe, wie wir wissen, hat letztens auf ihrer Facebookseite verlauten lassen, dass sie eine Obsession für die Vereinigten Staaten Amerikas hat. Sie zählt diverse Gründe auf, darunter das Cheerleader-und-Jock-Wesen an den High Schools.
Nun ja. Nach dem Genuss diverser amerikanischer Teeniefilme und exzellenter amerikanischer Teenieserien (siehe Veronica Mars) musste ich mich am Köpfchen kratzen, ob die amerikanischen High Schools wirklich cooler sind als die deutschen Gymnasien oder ob das Problem ganz anders gelagert ist. Sind wir Deutsche vielleicht einfach zu doof, um unsere Schulen ordentlich zu glorifizieren? Hier kommt eine Tatsache: Kaum eine Sau dreht einen Film oder schreibt ein Buch, das an einer deutschen Schule spielt. Im Gegenteil wird der Teil des Lebens, in dem man sich in solchen Institutionen befindet, in den Bestsellerlisten mehr oder weniger ausgeklammert. Anders in Amerika. Da gibt es ja sogar ein eigenes Genre für sowas (Coming-of-age) und jährlich erscheinen genug Filme und Bücher, die junge Menschen als Mittelpunkt haben und nicht bedingungslos dem Jugendgenre zugeordnet werden. Beispiele gefällig? Special Topics in Calamity Physics von Marisha Pessl, White Oleander von Janet Fitch, Vernon God Little von DBC Pierre, Stephenie Meyer-Bücher et tausend cetera.
Und wir Deutsche? Werfen wir einen Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste, die momentan aktuell ist. Von deutschen Autoren finden wir dort Historisches, Frauenlektüre, Spaßliteratur junger Autoren (Sarah Kuttner, Bücher mit dem vielversprechenden Titel Macho Man), komplizierte Literatur junger Autoren, aber nichts, was im Jugendbereich spielt – außer Stephenie Meyer, aber die ist meines Wissens nicht deutsch.
Das legt den Schluss nahe, dass wir Deutsche einfach keine guten Bücher mit jungen Menschen im Mittelpunkt schreiben können, ohne dass sie entweder sofort ins Jugendbuchgenre rutschen.
Oder liegt es an der fehlenden Schulkultur? Haben wir keine Cheerleader und Jocks? Nun, offensichtlich nicht. Aber wir haben ein Kurssystem in der Oberstufe. Und Parallelklassen, die sich untereinander nicht riechen können. Wir haben Jahrgangsstufenfeten und Abibälle, Schulchöre und AGs. Wir haben keine Schuluniformen, sondern Cliquen und ein zumeist bunt gemischtes Klientel mit Schülern sämtlicher Schichten – die eine Schicht mehr, die andere weniger. Wir haben merkwürdige Hausmeister, die dank ihres Pausenverkaufsstands eine große Rolle im Schülerleben spielen, und wir haben Schultoiletten, die bestimmten Gangs vorbehalten sind. Wir haben auch Bänke und andere Sitzplätze, die bestimmten Nutzergruppen vorbehalten sind. Wir haben Schulbusse. Und Schul- und Klassensprecher. Katakomben im Keller, eine mysteriöse Schulbuchbibliothek, eine Schlaftablette von Bibliothekar. Wir haben Emos, Hiphopper, Schulbands, Außenseiter, Streber, schwarze Schafe. Alte Pauker, junge verschreckte Referendare mit zweifelhaftem pädagogischen Hintergrund, helle Sterne an einem düsteren Himmel. Wir haben skurrile Direktoren, geheime Raucherverstecke, Schulverweise und Nachsitzen. Gut, bei uns fährt mit sechzehn noch niemand Auto, aber dafür mit achtzehn und es gibt schließlich auch immer wieder Schüler, die ein Auto haben, aber bei Sechzehnjährigen in der Klasse sitzen.
Haben wir also doch Schulkultur? Fehlt es einfach an der Gallionsfigur, die dieses Thema in Angriff nimmt und der deutschen Literaturszene einen neuen Klecks verpasst? Fragen über Fragen… Ich werde mich schnell mit meinem Kaffeesatz zusammensetzen und planen, was der nächste Schritt ist, um die deutsche Schulkultur literarisch in Deutschland zu verankern…